Für wen die amerikanischen Wähler am Dienstag auch votieren, einen radikalen Wandel in der amerikanischen Außenpolitik gegenüber den europäischen Verbündeten dürfte es kaum geben. Sowohl John McCain als auch Barack Obama werden in den transatlantischen Beziehungen weitgehend an die von Präsident Bush in seiner zweiten Amtszeit und zuvor von Präsident Clinton verfolgte multilaterale Linie anknüpfen. Beide werden sich im Falle ihrer Wahl bemühen, die transatlantischen Beziehungen weiter zu intensivieren. Bedarf gibt es dafür genug, sei es in der Russland- oder Iran-Politik, beim Klimaschutz und der Energiesicherheit, im Nahen Osten oder in Afghanistan. Der neue US-Präsident wird den Europäern breitere Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen, ohne damit allerdings den amerikanischen Führungsanspruch aufzugeben. Dazu gehört aber auch, dass von europäischer Seite größere Beiträge als bisher erwartet werden. Befürchtungen jedoch, dass zu den ersten Amtshandlungen des neuen US-Präsidenten die Forderung nach mehr deutschen Truppen in Afghanistan gehören wird, sind übertrieben und eher ein Zeichen mangelnden Selbstbewusstseins. Wenn wir uns – wie es in der Koalitionsvereinbarung heißt – zu einem „effektiven Multilateralismus“ bekennen, müssen die USA zu einem multilateralen Vorgehen, wir aber zu effektivem Handeln bereit sein. Diese Chance zu einer vertieften Kooperation sollten wir wahrnehmen, denn wir brauchen einen starken Partner USA – aber auch die USA benötigen in uns Europäern starke Partner.
Obwohl die Macht der USA vor dem Hintergrund aufstrebender, vor allem asiatischer Staaten, relativ zurückgehen dürfte, werden die USA noch für lange Zeit westliche Führungs- und internationale Ordnungsmacht bleiben. Die militärische Dominanz der USA wird auch in den kommenden Jahrzehnten erhalten bleiben. Trotz aktueller Finanzkrise wird auch die US-Wirtschaft vor allem dank ihres großen Innovationspotentials noch über viele Jahre an der Weltspitze bleiben.
Auch nach den mit dem Ende des Kalten Krieges eingetretenen strukturellen Veränderungen im internationalen System gibt es keine zwei Regionen auf der Welt, die soviel gemeinsam haben wie Europa und die USA und die in ähnlicher Weise politisch, wirtschaftlich, kulturell, strategisch und historisch aneinander gebunden sind. Die transatlantische Partnerschaft ist auch aus ganz pragmatischen Gründen heraus wichtig, da sich die Stärken der beiden Partner gut ergänzen.
Die EU ist zwar wohlhabend und übt eine große Anziehungskraft auf ihre Nachbarschaft aus, ist aber noch kein wirklicher strategischer Akteur auf der Weltbühne. Strategische Operationen wie derzeit in Afghanistan können nur unter der Führung der USA bzw. im Rahmen der NATO durchgeführt werden. Seit dem Fiasko der USA in den ersten Jahren nach dem Irak-Krieg wird aber zunehmend deutlich, dass die USA nicht auf die legitimierende Zustimmung und Unterstützung durch die großen europäischen Nationen verzichten sollten. Das gilt umso mehr, als in bestimmten Weltregionen das europäische Ansehen höher ist als das der USA und eine Einbindung Europas die Chancen für einen gemeinsamen Erfolg deutlich verbessert, wie z.B. im Nahen und Mittleren Osten. Die EU verfügt inzwischen über erhebliche Mittel und Expertise beim zivilen Krisenmanagement und Wiederaufbau. Gerade die aktuellen Erfahrungen in Afghanistan und auf dem Balkan zeigen, wie wichtig die Verknüpfung von militärischen und zivilen Maßnahmen ist. Allerdings sollte die transatlantische Zusammenarbeit nicht auf Europa und die USA beschränkt bleiben, sondern weitere demokratische und gleichgesinnte Länder wie Japan und Indien, Australien und Neuseeland, Brasilien und Mexiko einbeziehen.