Frage: Nicht nur Deutschland hat bilaterale Verträge mit Russland geschlossen. An der Southstream-Pipeline beteiligen sich Italien, Ungarn und Bulgarien. Werden diese Staaten eventuell einem deutschen Vorbild folgen und mehr in Brüssel kooperieren?
von Klaeden: Man könnte in Brüssel einen Lenkungsausschuss einrichten, der die europäische Russlandpolitik koordiniert.
Frage: Wer wäre dort vertreten?
von Klaeden: Neben der EU-Kommission wären dies Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Polen. Damit wären alle wichtigen Positionen versammelt. Ein solches Komitee sollte sich vor allem um Energiepolitik kümmern und entsprechende Schritte abstimmen. Dies würde künftig nationale Alleingänge erschweren.
Frage: Herr von Klaeden, Sie schreiben in Ihrem Essay wenig diplomatisch, Russland sei nicht nur Partner, sondern ein Konkurrent und Kontrahent. Sind solche harschen Töne nicht kontraproduktiv? Schließlich sind Probleme wie der Nahostkonflikt, Irans Atomprogramm oder der Klimawandel nicht ohne Moskau zu lösen.
von Klaeden: Das ist eine Analyse, zunächst keine Bewertung. Aber man muss zur Kenntnis nehmen, dass sich in der Kosovo-Frage zum Beispiel neben Vietnam nur Russland gegen die Einrichtung der Eulex-Mission gestellt hat. Beim iranischen Nuklearprogramm setzt Moskau ebenfalls andere Prioritäten: Einerseits ist auch Russland nicht an einem nuklear gerüsteten Iran interessiert, andererseits will der Kreml mit Teheran im Geschäft bleiben und eine Gas-Opec gründen
Frage: Deutsche Experten sprechen von einem "Feindbild Westen" in Russland.
von Klaeden: In den dortigen Medien ist regelmäßig zu lesen, dass sich Moskau auch ideologisch als Alternative zur EU versteht. Das Chaos in den neunziger Jahren sei vor allem dem Versuch geschuldet, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nach westlichem Vorbild einzuführen.
Frage: Sie beklagen in Ihrem Buch auch einen "Werterelativismus" in der deutschen Öffentlichkeit. Können Sie dafür ein Beispiel in Bezug auf Russland geben?
von Klaeden: Es ist offensichtlich, dass Russland von Teilen der deutschen Eliten in Politik und der Wirtschaft mit doppelten Standards gemessen wird. Niemand beschwert sich, dass hochrangige Politiker wenige Tage nach dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf Kern-Georgien an einer rauschenden Ballnacht in der russischen Botschaft teilnehmen. Hätte es sich um die USA oder ein anderes westliches Land gehandelt, wäre die Reaktion eine ganz andere gewesen.
Frage: Wird Russland also zu milde beurteilt?
von Klaeden: Meiner Meinung nach ja. Natürlich sind Guantánamo und Abu Ghraib sehr schädlich für das Ansehen der USA und des Westens insgesamt. Aber ich finde das Argument nicht sehr überzeugend, dass Missstände in Russland oder China nicht angeprangert werden müssen, weil sich diese selbst nicht als westliche Demokratien bezeichnen.
Das Interview führte Matthias Kolb.