Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren Kollegen!
Die Vorredner haben schon darauf hingewiesen: Heute Vormittag hat in Bad Salzungen die offizielle Trauerfeier für die drei Soldaten stattgefunden, die in Wahrnehmung ihres Auftrages, im Einsatz für den Frieden und gegen den Terror, in Afghanistan gefallen sind. Ich möchte an dieser Stelle im Namen meiner Fraktion den Angehörigen, Freunden und Kameraden der drei Soldaten unsere aufrichtige Anteilnahme und unser Mitgefühl aussprechen.
Es ist nachvollziehbar, dass die Kameraden der drei gefallenen Soldaten ihren Einsatz in Kunduz persönlich als einen Kriegseinsatz empfinden. Um ihren Auftrag zu erfüllen, der der Sicherheit unseres Landes dient, sehen sie sich immer häufiger in Kämpfe und Gefechte verwickelt, was mit erheblichen Gefahren für Leib und Leben verbunden ist, wie der Tod dieser drei Soldaten zeigt. Es ist trotzdem falsch, von Krieg zu sprechen. Deutschland und die NATO befinden sich nicht im Krieg gegen Afghanistan. Im Gegenteil: Die Bundeswehr ist Teil von ISAF, der Internationalen Sicherheits- und Unterstützungstruppe in Afghanistan. Wir unterstützen die demokratisch gewählte afghanische Regierung bei der Erfüllung ihres Auftrags. Wir sind dort zur Unterstützung und Durchsetzung des Völkerrechts, mit einem Mandat der Vereinten Nationen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Die Taliban dagegen versuchen, mit terroristischen Methoden, feigen und hinterhältigen Sprengfallen, menschenverachtenden Selbstmordattentaten sowie Entführungen und bewaffneten Überfällen auf Einrichtungen des Staates wie Schulen, Regierungsgebäude oder Polizeistationen den Wiederaufbau des Landes zu verhindern. Wir sollten dieses verbrecherische Tun der Taliban nicht dadurch aufwerten, dass wir von Krieg sprechen und den Eindruck erwecken, als käme ihnen der Kombattantenstatus zu. In den 70er-Jahren hat die Terrororganisation RAF in der Bundesrepublik Deutschland ähnlich argumentiert wie die Taliban heute. Auch die RAF-Terroristen haben von uns erwartet, dass wir sie als Kombattanten ansehen, und haben entsprechende Rechte für sich eingeklagt. Aber sie sind keine Kombattanten, sondern nichts anderes als gemeine Verbrecher gewesen. Das gilt genauso für die Taliban.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Von Krieg zu sprechen, ist eine falsche Darstellung unseres Einsatzes. Von Anfang an haben wir, die Fraktionen, die dem Einsatz zustimmen, und die Bundesregierung deutlich gemacht, dass es sich um einen Kampfeinsatz handelt. Insofern ist die Kritik, die von der FDP vorgetragen wird, unzutreffend. Aber genauso klar ist immer wieder gesagt worden, dass die Aufgabe in Afghanistan eben nicht allein mit militärischen Mitteln zu erfüllen ist. Es geht um den Aufbau des Landes, der militärisch abgesichert werden muss. Das Militär kann für eine gewisse Zeit ein sicheres Umfeld schaffen. In diesem sicheren Umfeld müssen dann der Aufbau und die Stabilisierung des Landes stattfinden. Das gelingt in einigen Regionen unseres Einsatzgebietes in ganz beeindruckender Weise. Ich denke zum Beispiel an die Region Masar-i-Scharif. Dort hat sich die Sicherheitslage nicht verschlechtert. Im Gegenteil: Einige sprechen sogar von einer Verbesserung.
Wir haben über Jahre an unsere amerikanischen Verbündeten appelliert, nicht von einem War on Terror, nicht von einem Krieg gegen den Terror zu sprechen. Ich weiß, dass dieser Begriff im Amerikanischen eine andere Konnotation hat als im Deutschen. Aber selbst unsere britischen Freunde haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich nicht um einen War, einen Krieg handelt. Ein amerikanisches Sprichwort lautet: „Wenn man einen Hammer hat, dann fangen alle Probleme an, wie Nägel auszusehen“. Wir müssen eine solche Verengung unseres Denkens vermeiden. Deswegen ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass das, was wir in Afghanistan tun, kein Krieg ist.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Entwicklung ist ohne Sicherheit nicht möglich. Das gilt ganz sicherlich nicht für einen Kriegseinsatz.
Es ist richtig, dass gefordert wird, dass wir eine ehrliche Debatte über die Beteiligung der Bundeswehr am ISAF-Einsatz in Afghanistan führen. Wir müssen das auch tun, damit sich die Soldaten und ihre Angehörigen bei ihrer schwierigen Aufgabe unterstützt fühlen. Es steht meiner Ansicht nach völlig außer Frage, dass sich die im Raum Kunduz eingesetzten Soldaten in einer kriegsähnlichen Situation befinden und dass das mit hohem persönlichem Risiko verbunden ist. Das ändert aber nichts an der strategischen Zielsetzung des Einsatzes: Aufbau und Stabilisierung Afghanistans.
Ein Grund für die verstärkten Angriffe, denen unsere Soldaten ausgesetzt sind, ist das wachsende amerikanische Engagement im Süden und Osten, wodurch der Druck auf die Taliban erhöht wird, die versuchen, in den Norden auszuweichen. Die Aufgabe der Bundeswehr muss sein, die afghanischen Verbände im Norden des Landes dabei zu unterstützen, dass sich die Taliban nicht in unserem Zuständigkeitsbereich festsetzen können. Die Taliban können nur besiegt werden, wenn sie in ganz Afghanistan besiegt und aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzraum vertrieben werden. Selbstverständlich müssen die in Afghanistan eingesetzten Bundeswehreinheiten alle zur Verfügung stehenden Mittel erhalten, um ihre Aufgaben auch unter den neuen, erschwerten Bedingungen erfüllen zu können. Ich habe den begründeten Eindruck, dass sowohl die zivile als auch die militärische Führung der Bundeswehr sich dieser Verantwortung bewusst sind und dieser Aufgabe nachkommen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
In Afghanistan haben wir es nach wie vor mit nur gering entwickelten staatlichen Institutionen, mit Korruption und Drogenhandel in Kombination mit islamistisch motiviertem Extremismus zu tun. Afghanistan hat mit Pakistan eine Nuklearmacht als Nachbarn, der angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise der Staatsbankrott droht. Wir haben in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass die Gefahren für unser Land und für uns in Europa nicht an Grenzen haltmachen. Diesen Gefahren stellen sich unsere Soldaten tapfer. Tapferkeit setzt Verwundbarkeit voraus. Die Gefahren für die Freiheit und das Recht unseres Volkes kennen keine geografischen Grenzen mehr. Deswegen ist es richtig, festzustellen, dass die drei Soldaten für das Recht und die Freiheit unseres Volkes in Afghanistan gefallen sind.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)