Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren Kollegen!
Ich glaube, es ist doch angebracht, noch ein paar Worte zu der Rede des Herrn Kollegen Trittin zu sagen.
(Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Eine gute Rede!)
Er ist ja mit seiner selbstgestellten Aufgabe, die Bundesregierung für so ziemlich alle negativen Entwicklungen in der internationalen Politik verantwortlich zu machen, grandios gescheitert.
(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Oh! – Zuruf des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Das wäre dann nicht besonders bedauerlich, wenn er hier nicht Dinge behauptet hätte, die sich nur dann so darstellen lassen, wenn man wesentliche Fakten unter den Tisch fallen lässt.
Das gilt zum Beispiel für die Frage des amerikanisch-indischen Nukleardeals.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ärgert euch!)
Sie haben ja behauptet, dies würde unsere Möglichkeiten, den Iran wieder zur Einhaltung des internationalen Rechts zu bewegen, beeinträchtigen. Der wesentliche und qualitative Unterschied zwischen den Ländern Indien und Iran ist, dass Indien nicht Unterzeichner des Nichtverbreitungsvertrages ist und deswegen auch nicht gegen ihn verstoßen hat bzw. gegen ihn verstoßen kann, während der Iran Unterzeichner des Nichtverbreitungsvertrages ist und fortwährend gegen ihn verstößt.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Was ist, wenn er austritt? Das ist eine Logik!)
Nichtsdestotrotz hat der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Behörde erklärt, dass die einstimmige Genehmigung der Lieferung von zivilem Nuklearmaterial an Indien und die Kooperation mit Indien in diesem Bereich Indien näher an den Nichtverbreitungsvertrag heranführt und deswegen eine Stärkung des Nichtverbreitungsvertrages darstellt.
(Dr. Karl Addicks [FDP]: „Näher“ ist keine Kategorie!)
– Das müssen Sie Herrn al-Baradei fragen. Aber vielleicht stellen Sie eine Zwischenfrage,
(Hellmut Königshaus [FDP]: Auf keinen Fall!)
wenn Sie noch weiteres Informationsbedürfnis haben; ansonsten geht das nämlich alles von meiner Redezeit ab.
Al-Baradei hat davon gesprochen, dass das den NPT stärkt und Indien mit seinem Verhalten auch ein Beispiel dafür geben kann, wie andere Staaten, die den NPT nicht unterzeichnet haben, an dieses Regime herangeführt werden können. Wenn Sie aber die Heranführung Indiens an den NPT durch die einstimmige Genehmigung der Nuclear Suppliers Group für einen so großen Fehler halten, dann frage ich mich in der Tat, warum die Bundesregierung, in der die Grünen den Außenminister stellten, mit der G-4-Initiative auch Indien in den Weltsicherheitsrat bringen wollte. Es macht doch keinen Sinn, ein Land in den Weltsicherheitsrat bringen zu wollen, das angeblich durch seine Politik die Nichtproliferation gefährdet, aber zugleich verhindern zu wollen, dass es an den NPT herangeführt wird. Das ist keine konsistente Position.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der FDP)
Nun zu dem, was Sie zum KSE-Vertrag gesagt haben.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ratifizieren Sie ihn!)
Die Behauptung, es habe von der Bundesregierung, insbesondere vom Außenminister, keine Initiative gegeben, die Ratifizierung des KSE-Vertrages möglich zu machen, ist entweder ein Zeichen von Unkenntnis oder von Bösartigkeit.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Denn es hat gerade vom Auswärtigen Amt mehrere Initiativen gegeben, eine Ratifizierung Zug um Zug möglich zu machen. Der KSE-Vertrag wurde deswegen nicht ratifiziert, weil sich Russland nach wie vor nicht an die Verpflichtungen hält, die es 1999 in Istanbul eingegangen ist.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Herr Kollege Trittin, das unter den Tisch fallen zu lassen, ist wirklich keine Position, die man als redlich bezeichnen kann.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Ihre Unterstellung, Ihre Behauptung, der im August in Georgien geführte russisch-georgische Krieg sei eine Folge der Beschlüsse von Bukarest, ist nun wirklich nichts als die Wiedergabe russischer Propaganda.
(Widerspruch des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
– Doch, das haben Sie gesagt.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein, das habe ich nicht gesagt! Das wollen Sie vielleicht hören, Herr von Klaeden, aber gesagt habe ich das nicht!)
Herr Trittin, die Position, die Sie hier vertreten haben, ist in Ihrer eigenen Fraktion, selbst bei den Mitgliedern des Auswärtigen Ausschusses, höchst umstritten. Dass der Krieg zwischen Russland und Georgien genauso wie die internationale Finanzkrise und die Wahl des US-Präsidenten allerdings zu den Ereignissen gehören, die unsere Außenpolitik in den nächsten Monaten und Jahren nachhaltig bestimmen werden, ist hier von den Vorrednern schon angesprochen worden.
Der kommende Wechsel in der amerikanischen Außenpolitik hat sich nicht erst am 4. November 2008 mit der Wahl von Barack Obama abgezeichnet. Vielmehr geschah das schon während der Kampagne. Denn auch die Republikaner haben mit John McCain auf einen Kandidaten gesetzt, der für den Wechsel steht. Es war eine noble Geste, die auch folgerichtig war, dass McCain Obama noch in der Wahlnacht zum Sieg gratuliert und ihm seine Unterstützung angeboten hat. Ich finde, es ist ebenso nobel wie beeindruckend gewesen, wie Obama in seiner Rede diese Geste erwidert und seinerseits den außen- und sicherheitspolitisch versierten McCain um Rat und Unterstützung gebeten hat.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Denn Obama steht vor großen Herausforderungen. Es handelt sich um eine dreifache Herausforderung, die eigentlich nur mit der in der Zeit von Franklin D. Roosevelt zu vergleichen ist:
Erstens muss Obama versuchen, eine ökonomisch tief verunsicherte sowie eine politisch und sozial polarisierte amerikanische Gesellschaft zu versöhnen.
Zweitens muss er den von vielen innerhalb und außerhalb der USA perzipierten wirtschaftlichen und außenpolitischen Niedergang und den damit einhergehenden angeblichen Verlust amerikanischer Führungskraft stoppen und umkehren.
Schließlich muss er das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten – auf Neudeutsch gesagt: die Soft Power der USA – wiederherstellen.
Bereits im Wahlkampf hat sich Obama sowohl als Idealist als auch als Pragmatiker gezeigt. Dabei hat er ein gutes und ausgewogenes Verhältnis zwischen den Notwendigkeiten amerikanischer Führungsstärke einerseits und den Grenzen amerikanischer Führungsstärke andererseits gefunden.
Das bringt die Europäische Union ins Spiel. Denn auch nach seiner Wahl sind die Probleme, die heute schon angesprochen wurden, nicht weniger komplex und nicht einfacher zu lösen. Deswegen erwarte ich auch keinen radikalen Wandel in der amerikanischen Europapolitik. Vielmehr gehe ich davon aus, dass Obama an die Zeit der zweiten Administration von George Bush und an die von Clinton anknüpfen wird, wenn es um die Frage geht, so viel Multilateralismus wie möglich und so wenig Unilateralismus wie nötig einzusetzen. Wenn es zu der von vielen vorhergesagten oder angekündigten Berufung von Hillary Clinton zur Außenministerin kommt, dann wird diese personelle Anknüpfung ganz besonders deutlich werden.
Wir haben in unserem Koalitionsvertrag von dem Prinzip des effektiven Multilateralismus gesprochen. Das Prinzip des effektiven Multilateralismus lässt sich wie folgt am besten erklären: Einerseits müssen die Vereinigten Staaten von Amerika zu multilateralem Handeln bereit sein. Andererseits müssen aber auch wir bereit sein, unser außenpolitisches Handeln nicht allein am Verfahren, sondern auch an seinen Ergebnissen, also seiner Effizienz, messen zu lassen.
Es gibt von Niklas Luhmann das schöne Wort, dass Demokratie Legitimation durch Verfahren sei. Aber in der Politik kommt es eben wesensnotwendig nicht nur auf die Legitimation durch das Verfahren, sondern auch auf die Legitimation durch den Erfolg an. Wenn wir in unserer Außenpolitik diese neue Chance der transatlantischen Zusammenarbeit im Wesentlichen nur dazu nutzen würden, auf Verfahrensfragen und nicht auf den Erfolg abzustellen, dann würden wir in den USA wieder diejenigen stärken, die die Forderung nach multilateralem Vorgehen als eine Ausrede der Europäer diffamieren, sie wollten eigentlich nichts tun.
Es gibt also eine ganze Reihe von Handlungsfeldern, wo wir relativ schnell die Initiative ergreifen müssen. Wir sollten – da stimme ich dem Kollegen Hoyer zu – nicht abwarten, was die neue amerikanische Administration vorschlägt und wo sie uns zur Kooperation einlädt, sondern die nächsten Wochen und Monate unsererseits nutzen, um auf die neue Administration zuzugehen und die Punkte zu nennen, die aus unserer Sicht besonders wichtig sind.
An erster Stelle steht in der Tat die Bewältigung der iranischen Nuklearkrise. Dabei müssen wir deutlich machen, dass wir in dem Fall, dass Iran nicht bereit ist, die neuen Gesprächsangebote der amerikanischen Administration anzunehmen, zu schärferen Sanktionen bereit sind. Es ist damit zu rechnen, dass die Double-Track-Strategie, die die Europäer und die Amerikaner schon bisher gemeinsam vertreten haben, in beiden Richtungen ausgeweitet wird: stärkere Gesprächsangebote auf der einen Seite, aber eben auch die Bereitschaft zu stärkeren Sanktionen auf der anderen Seite.
Außerdem geht es um die Stabilisierung des Irak. Es geht um unser Engagement in Afghanistan, um das gemeinsame Ziel, eine dauerhafte Stabilisierung des Landes zu erreichen. Es geht um eine aktivere Rolle Europas bei der Lösung des Nahostkonfliktes. Da ist zu hoffen, dass Obama nicht den Fehler seiner beiden Vorgänger wiederholt,
(Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: Richtig!)
sich erst zum Ende seiner Amtszeit dieses Konfliktes anzunehmen, sondern das, was er verändern will, verändert, aber die Initiative einer Nahostfriedenskonferenz, wie sie mit dem Annapolis-Prozess begonnen worden ist, weiter fortsetzt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: Von Beginn an!)
Schließlich ist – auch das ist hier schon angesprochen worden – die Bekämpfung der alten Geißel Piraterie ein Thema, über das wir voraussichtlich im Dezember diskutieren und wozu wir ein entsprechendes Mandat im Bundestag verabschieden werden.
Es gibt also ein großes Feld der Kooperation zwischen den USA und Europa. Das gilt nicht zuletzt für die Russlandpolitik. Unsere Aufgabe muss es jetzt sein, unsere eigenen Vorstellungen vorzutragen und so viel wie möglich davon bei der Entstehung der Konzeption der neuen amerikanischen Administration einzubringen. Das ist dann möglich, wenn für uns klar ist, dass Einfluss und Einsatz zwei Seiten einer Medaille sind.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)