Chinesische Reaktionen auf die Proteste sind bestens geeignet, ihre Kritiker zu bestätigen
Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren Kollegen!
Am 26. Oktober letzten Jahres hat meine Fraktion eine Asien-Strategie vorgestellt, in der es heißt, dass mit China „ein undemokratischer, nicht-liberaler Staat in der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Hierarchie“ aufsteige, dass das chinesische Modell, wirtschaftlich betrachtet, zunächst einmal außerordentlich erfolgreich sei und pragmatische Anpassungen zulasse, dass es aber moderne autoritäre politische Führung „mit staatlich beaufsichtigtem (Früh-)Kapitalismus“ kombiniere. Wir haben dann Zweifel an der Nachhaltigkeit dieses Entwicklungsmodells geäußert, weil nach unserer Auffassung „nachhaltige Stabilität tatsächlich nur in einem auf Partizipation ausgerichteten System, das Menschenrechte schützt, möglich“ ist.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Diese Sätze unserer Asien-Strategie sind bei einigen in der deutschen Politik und in der deutschen Wirtschaft sowie auch bei der KP Chinas auf Kritik gestoßen. Der gleiche Kreis, der diese Sätze kritisiert oder sogar als neokonservativ bezeichnet hat, hat auch den Empfang des Dalai Lama durch die Bundeskanzlerin massiv kritisiert. Wir alle erinnern uns an die Äußerungen des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, der die Sprachregelung der chinesischen KP in einem Vortrag in Peking unmittelbar übernommen hat. Auch Kurt Beck hat kurz vor Weihnachten geglaubt, seine China-Expertise unter Beweis stellen zu müssen,
(Ute Kumpf [SPD]: Das ist doch jetzt wirklich neokonservativ!)
und den Empfang des Dalai Lama durch die Bundeskanzlerin massiv kritisiert.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ist das nicht Ihr Koalitionspartner?)
Die Sponsoren der Olympischen Spiele aus der deutschen Wirtschaft haben jetzt, auf ihre Sponsorentätigkeit angesprochen, darauf hingewiesen, dass die Menschenrechte ihnen zwar ein Anliegen seien, aber ein Anliegen, das doch bitte von der deutschen Politik und von der deutschen Diplomatie zu vertreten sei.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Empfängt denn Frau Merkel jetzt den Dalai Lama?)
Ich stimme dieser Aufgabenteilung nicht zu, möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass der Druck auf die deutschen Sponsoren heute wesentlich höher wäre, wenn die Bundeskanzlerin den Dalai Lama nicht empfangen hätte und damit dieses für die deutsche Diplomatie und Politik klare und unmissverständliche Zeichen nicht gesetzt hätte.
(Beifall bei der CDU/CSU – Zuruf von der SPD: Warum?)
Alle, die mit politischem Verstand die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking beobachtet und begleitet haben, wissen, dass die Demonstrationen und die Reaktionen auf diese Demonstrationen zwar erschreckend sind, aber nicht überraschend. Ich will hier ganz deutlich sagen: Wir lehnen jede Form von Gewalt ab. Sie kann nicht gerechtfertigt werden. Das gilt für die Gewalt von tibetischer Seite am 10. März in Lhasa; das gilt auch für gewalttätige Demonstranten am Rande des Fackellaufs. Aber bei aller Ablehnung der Gewalt darf man doch Ursache und Wirkung nicht miteinander verwechseln.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)
Chinesische Reaktionen auf die Proteste sind bestens geeignet, ihre Kritiker zu bestätigen. Besonders abstoßend ist es, wie die chinesische Führung auf den Dalai Lama reagiert, wie sie immer wieder versucht, ihn für das verantwortlich zu machen, was geschehen ist, obwohl er sich, wie schon mein Vorredner zutreffend ausgeführt hat, zur Gewaltfreiheit bekennt und zur Gewaltfreiheit aufruft, die Ein-China-Politik nicht infrage stellt und sich auch gegen einen Boykott der Olympischen Spiele ausspricht.
Wir brauchen gerade jetzt vonseiten der deutschen Politik dieses klare und unmissverständliche Signal für die Menschenrechte und die universalen Prinzipien, zu deren Einhaltung wir uns alle verpflichtet haben. Deswegen hoffe ich auch, dass der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung im Mai, wenn der Dalai Lama nach Deutschland kommt, dem Beispiel von Joschka Fischer folgen kann und den Dalai Lama in seinen Diensträumen im Auswärtigen Amt empfangen darf. Bisher hat er Dissidenten aus China nicht in seinen Amtsräumen empfangen dürfen. Ich finde, diese Praxis muss überdacht werden.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN)
Ein Wort noch zu den Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele: Der Deutsche Bundestag und die Bundesregierung sind weder verantwortlich für die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking, noch hätten wir sie verhindern können. Ich finde, dass wir ein deutliches Zeichen setzen müssen, dass wir an der Seite all derjenigen Athletinnen und Athleten, all derjenigen Funktionäre stehen, die sich auch in Peking für die universalen Prinzipien der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit, der Demokratie und des Minderheitenschutzes einsetzen wollen und werden, die unmittelbar mit der olympischen Idee verbunden sind. Die olympische Idee der Friedenspflicht während der Spiele ist eine eminent politische Idee. Die Friedenspflicht ist uns aus der Antike überliefert. Um Vergil zu zitieren – denn Friede bedeutet eben nicht Friedhofsruhe –: Opus iustitiae pax. Der Friede ist das Werk der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit für alle Menschen, die in China leben, und damit auch für die nationalen Minderheiten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)